Krimis
Glatzenschnitt

Kriminalroman von Reinhard Junge
Dortmund 2002, 2. Auflage Januar 2003
380 Seiten
9,90 Euro
(Grafit-Verlag)

Inhalt:

Wattenscheid, 30. Dezember 1999. Neonazis überfallen und zerstören einen Nachhilfeladen für Migrantenkinder, vergewaltigen die 18-jährige Schülerin Nilgül Ösran und lassen sie hilflos in dem brennenden Raum zurück. Eine Stunde später hat Hauptkommissar Lohkamp, inzwischen Chef der Kriminalinspektion Wattenscheid, die Täter gefasst. Doch am nächsten Tag mischt sich der "Staatsschutz" ein: Das Kriminalbüro II lässt die Täter wieder frei. Noch in der Neujahrsnacht beginnt das große Sterben im "Volkssturm Ruhr". Die Ermittlungen verlaufen zunächst chaotisch: In Hattingen, Witten und Bochum sind unterschiedliche Polizeipräsidien und Staatsanwaltschaften zuständig. Schließlich sorgt eine Sonderkommission unter Martina Langer, einst Lohkamps Assistentin, für Ordnung. Doch da ist auch noch PEGASUS, das Videoteam aus dem wilden Westen Dortmunds. Und Kalle Mager, dem Sohn des Kameramannes, gelingen die entscheidenden Erfolge ... 


Polizeiinspektion Essen-Steele: Hier legt sich Kalle Mager auf die Lauer.

Leseprobe:


Die Glasscheibe in der Eingangstür splitterte. Ein kahler Schädel tauchte in der Öffnung auf. Ein schneller Blick durch den Raum, dann verzog der Mann seine dicken Lippen zu einem Grinsen. Er streckte seinen Arm durch die Öffnung, tastete nach der Klinke und drückte sie nach unten. Aber außer seinem baumelnden Ohrring rührte sich nichts. Der Kahle versuchte es etwas tiefer, griff jedoch, da sein lauernder Blick unverwandt in den Raum gerichtet war, neben den Schlüssel. Da zog der Kerl Arm und Kopf zurück und holte aus. Zwei, drei Tritte gegen das Holz, dann sprang die Tür aus dem Schloss. Ein Trupp Männer drängte herein. Hinter dem bulligen Kahlkopf ein schmaler Typ in grüner Bomberjacke, der Rest der Mannschaft in schwarzem Leder, die Haare auf Millimeterhöhe oder völlig abrasiert. Ganz zum Schluss erschien ein gepflegter Brillenträger mit sorgsam gescheiteltem Blondhaar und blieb auf der Schwelle stehen.

Nilgül Ösran stand zu diesem Zeitpunkt hinter der Kaffeetheke. Sie war seit einem Monat achtzehn, besuchte ein Gymnasium und half zweimal in der Woche Kindern ausländischer Herkunft bei den Hausaufgaben. Jetzt war sie allein im Nachhilfeladen und brachte das Kassenbuch auf den neuesten Stand. Als die Geschorenen hereindrängten, verwandelte sich ihr Blut in Eis.

Die Männer verteilten sich augenblicklich über den Raum und begannen, die Einrichtung zu zerstören: Rechts fetzte das Jüngelchen mit der Bomberjacke Prospekte, Schreibhefte und Malkästen aus den Regalen, in der Mitte schlug der bullige Besitzer des Ohrrings Tische und Stühle zusammen, hinten hebelten zwei, drei Kerle die Tafel aus der Verankerung und sprangen mit Stiefeln auf dem Holz herum, während ihre Kumpane bereits mit Holzkeulen auf den Samowar und die Kaffeemaschine, Lampen, Tassen und Gläser einschlugen.

Die junge Frau stand starr.

Sie schrie nicht und sie rührte sich nicht. Was sie lähmte, war nicht nur die nackte Angst vor diesen Leuten, sondern auch ein weit tiefer gehendes Gefühl von Hilflosigkeit und Verlassenheit. Ratlos sah sie zu, wie diese Männer in weniger als fünf Minuten die Arbeit eines ganzen Jahres zerstörten – so systematisch und gewissenhaft, als hätten sie die Aufgaben vorher verteilt.

Dann fiel Nilgül ein, dass in der geöffneten Kassenschublade ein Elektroschocker lag. Aber sie war unfähig, den Kugelschreiber loszulassen und das Gerät zu packen. Und sie hatte nie geübt, damit umzugehen.

»Nun zu dir, Schätzchen!«, sagte ein kantiger Typ in Lederjacke.

Es waren die ersten Worte, die seit Beginn des Überfalls gesprochen wurden, und erst als der Kantige mit dem Stoppelschnitt und den Segelohren einen Arm nach ihr ausstreckte, begriff Nilgül, dass sie gemeint war. Erschrocken wich sie bis an die Wand zurück ...

Pressestimmen:
"Junges jüngstes Werk lässt einen schaudern. Eine Gruppe Rechtsradikaler dringt in ein Nachhilfezentrum für Ausländer ein, schlägt alles kurz und klein, vergewaltigt eine Türkin (18). Einige der Rechtsradikalen kommen im Verlauf der Handlung auf gewaltsame Weise zu Tode, (...) dass es einem kalt den Rücken herunterläuft." (WAZ, Witten)

"Scheußlich ist die Szene, mit der das neue Buch beginnt. Eine Vergewaltigung aus rassistischen Motiven? ... Die Ausschnitte waren sehr spannend. Der Mord, der ausgerechnet in Witten verübt wird, schlug die Zuhörer gänzlich in den Bann." (Ruhrnachrichten, Witten).

"Reinhard Junge hat es wiederum verstanden einen spannenden Krimi mit pointierten Dialogen zu schreiben. Detailliert und realistisch beschreibt der Lehrer ... die gesellschaftliche Situation des Ruhrgebietes." (Aachener Nachrichten/Stolberger Zeitung)

"Verpackt in eine spannende Geschichte präsentiert Reinhard Junge eine unheile Ruhrpott-Welt jenseits jeder schön geredeten Tristesse. Dem Niedergang einst lebendiger Orte folgt die Niedertracht einiger dort lebender Menschen. Junge beschreibt nicht nur den bierseligen Alltag der rechtsgestrickten Volkssturm-Männer überzeugend, sondern gibt auch Einblick in die Gedankenwelt eines vom traditionellen Familienbild geprägten türkischen Großclans. Nebst dem verzweifelten Ausbruchsversuch der jüngeren Generation aus diesem elterlich verordneten Getto ...
Die M
aschen der Geschichte sind eng und schlüssig gestrickt Der rote Faden - die blutige Spur des Glatzenmörders - zieht sich voller Spannung und mit viel Sprachwitz ohne logischen Riss bis zum Ende durch. Reinhard Junge hat mit diesem Buch ... einen der besten PEGASUS-Krimis abgeliefert.  (Peter Werth, Westfälische Nachrichten, Hamm) 

"Im achten Band der PEGASUS-Reihe wird Tacheles geredet, rau, aber herzlich ist der Ton, und es gibt auch liebenswerte Menschen inmitten etlicher veritabler Kotzbrocken." (Hamburger Abendblatt)

"Die Liebe steht in seinen Büchern nicht im Vordergrund - in erster Linie ist er Krimiautor. Und in diesem Genre zählt Junge zu den Besten." (Barbara Heßmann, Westfälische Rundschau, Dortmund)

"Glatzenschnitt ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite ..." (Unsere Zeit, Essen)


"Der Autor beobachtet die kriminelle Szene im Ruhrgebiet hautnah und gesellschaftskritisch. Lohnend ..." (Gerd Kriebisch, ekz-Informationsdienst)

"Ein wirklich spannender Ruhr-Pott-Krimi voller Lokalkolorit, guten Hintergrundinformationen zur rechtsradikalen Szene und einfühlsamen Schilderungen des Lebensumfelds türkischer Mitbürger. Sehr zu empfehlen."
(Josef Schnurrer in "Buchprofile für die katholische Bücherarbeit")


"... wenn ein Routinier wie Reinhard Junge ... außer wohlfeilem Antifaschismus nur eine hanebüchene Geschichte zu bieten hat, trösten einen auch die Privataffären seiner Serienhelden nicht mehr. Die beinahe 400 Seiten von Glatzenschnitt überfordern die erzählerischen Möglichkeiten ihres Autors beträchtlich."
(Joachim Feldmann in "Am Erker. Zeitschrift für Literatur)


Aus der Leserpost:

Ich schreibe normalerweise weder Rezensionen noch Leserbriefe. Deshalb in aller gebotenen Kürze: Das Beste, seit das Ekel von Datteln in Rente ist! Beste Grüße - .und hoffentlich muss man auf den nächsten PEGASUS-Krimi nicht so lange warten! (Arne Schuster, Kirchheim u. Teck)

Bin seit Jahren begeisterter Leser zahlreicher Grafit-Autoren wie  A. Izquerdo, R. Junge, T. Pointner, J. Kehrer, J. Zweyer ... Und vom eben erwähnten Reinhard Junge fand nach sehr langer Verspätung das neue Buch "Glatzenschnitt" den Weg in meine Hände. Und ich kann nur sagen: Respekt! Das Warten, aus welchen Gründen auch immer, hat sich gelohnt. Meines Erachtens ist dies das beste Buch aus der Pegasus-Reihe.  (Holger Klein, Wattenscheid)

In Kapitel 79 habe ich dann Bekanntschaft mit dem Fehlerteufel gemacht. 1. Dienstag fährt definitiv keine S-Bahn um 3:18 h (von Bochum nach Wattenscheid, R. J.). Zwischen 2 Uhr und 4 Uhr fährt nichts. Ersetze Dienstag durch Samstag und die Sache passt. 2. Die Zeitangabe bei der Toter-Mann-Taste - auch  SiFa (Sicherheitsfahrschalter) genannt - ist falsch. Die Taste muss nach spätestens 30 Sekunden betätigt werden. Andernfalls wird der Zug durch eine Zwangsbremsung zum Stillstand gebracht. (Florian Kuba, Wattenscheid) 

...
mittlerweile sind mir das Pegasus-Team und Herr Lohkamp zu alten Vertrauten geworden. Auch der neue Krimi: wirklich spannend. Man kann ihn erst aus der Hand legen, wenn man weiß,  wer der Mörder ist. Aber dass das mit Simone und Kalle gar nicht geklappt hat, finde ich wirklich schade. ;-). Wann erscheint der neunte Band? (A. Steinbüchel, Herne)

   
 
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