Krimis
Das Ekel schlägt zurück
Kriminalroman von Leo P. Ard & Reinhard Junge
Dortmund 1990
8. Aufl. 1997
186 Seiten
7,90 Euro
(Grafit-Verlag)

Inhalt:

Oberbürgermeister Stankowski plant ein Milliardenprojekt, mit dem Oberhausen den Rest des Ruhrgebiets in die ökonomische Steinzeit zurückbomben will: das Trade & Recreation Center. Doch die Stadtväter aus Datteln, Hattingen und Bochum wollen den Nachbarn den Deal vermiesen: mit Intrigen, Erpressung und Mord. Während Hauptkommissar Lohkamp noch nach den Motiven sucht, folgt das Dortmunder Videoteam PEGASUS bereits ein paar brisanten Spuren.

Rezensionen:

... ruhrpöttische Realsatire der besonderen Art. Ihre Szenekenntnis mischen Leo P. Ard und Reinhard Junge mit entlarvender Kommentierung, trefflichen Charakterstudien und rotzfrecher Sprache zu einem Kriminaltango des Reviers.
WAZ, Oberhausen

Orts- und Menschenkenntnis zeichnen die Geschichte aus, Humor und Ironie kommen nicht zu kurz.
RUHRNACHRICHTEN

Ein Spaß ist Das Ekel schlägt zurück auf jeden Fall.
WAZ, Bochum

Die Rezeptur stimmt: Tempo, Spannung, der milieusichere Blick in die raue Wirklichkeit des Revier-Genossen-Filzes. Wer nach den Weihnachtseinkäufen und der Spende für die Russland-Hilfe noch Kleingeld in der Tasche hat, sollte sich diesen Krimi auf den Nachttisch legen. Aber Vorsicht: die vielen derben Sprüche provozieren unweigerlich wieherndes Gelächter, Partnerin oder Partner könnten aufwachen.
Manni Breuckmann in ECHO WEST, WDR

Die satirischen Seitenhiebe auf die Realität und die locker-flockigen Sprüche machen die Krimis interessant.
STADTSPIEGEL, Bochum

Ich lese diesen Schund nicht.
Horst Niggemeier, Bürgermeister von Datteln, in BILD

Leseprobe:
Die Klima-Anlage der Luxus-Suite war überfordert. Draußen verglühte der heißeste Tag seit sechsundvierzig Jahren, und drinnen ließen drei Dutzende Gäste die Räume eng und die Luft knapp werden. Die Duftschleier der Parfüms, Aftershaves und Zigaretten vereinigten sich zu einer Schadstoffwolke, gegen die es beim Katastrophenschutz noch kein Abwehrmittel gab.
In diesem Klima gingen Sekt und Longdrinks weg wie bei einem Wüstentrip. Von den kalten Platten wäre ein ganzes Waisenhaus satt geworden, doch der Künstler am Keyboard hielt mit seinem Um-ta-ta die Kaumuskeln in Bewegung.
Ein drahtiger, kaum einssiebzig großer Mittsechziger mit Igelfrisur und gepflegter Seemannskrause hatte sich an die Fensterfront zurückgezogen. Sie war höchstens halb so breit wie der Rhein-Herne-Kanal. Dem Partytrubel den Rücken kehrend, rauchte der kleine Mann schweigend seinen Verdauungsjoint. Trotz der Schwüle trug er Anzug und Krawatte. Der Schweißfilm auf seiner Stirn hätte nicht mal ausgereicht, um die Gummierung einer Briefmarke zu befeuchten.
Auf den ersten Blick sah es so aus, als betrachtete er die spärlich beleuchteten Ruinen, die nach der Ruhrkrise von Gelsenkirchen übrig geblieben waren. Doch die Dunkelheit hatte das Fensterglas des Maritim in breite Spiegel verwandelt. Ungeniert konnte der Mann die gefräßige Meute hinter seinem Rücken beobachten: Bürgermeister, Verwaltungsfürsten und ihre Kofferträger, ein paar Vorzeigedamen und ein halbes Dutzend von Hand verlesener Pressemenschen.
Wie zufällig schob sich eine zweite Gestalt heran: ein schlanker Fünfziger mit hohen Schläfen, der sein Jackett abgelegt und die Krawatte gelockert hatte. Dicht vor der Glaswand wandte er sich um und blieb, den Blick auf die Hummerfresser gerichtet, einen guten Meter neben dem Igelkopf stehen. Während der Drehung zeichnete sich sein scharfes Kinnprofil im Fenster ab.
"Golowski", registrierte der Kleine, wandte aber seinen Blick nicht eine Sekunde von der Party ab. Die Fütterung ging zu Ende, Trägheit kam auf.
Der Mensch an der Heimorgel hatte es auch gemerkt. Ein Augenblick des Zögerns, dann flogen seine Finger über die Tasten. Der elektronische Bauchladen verabschiedete Johann Strauß und begrüßte den Lambada.
Die Leute juchzten los, als hätte man ihnen Adrenalin gespritzt. Sie ließen die Zahnstocher fallen, packten sich einen Partner und füllten das Parkett. Mann und Weib rammten ihre Unterkörper gegeneinander, um sich in siamesische Zwillinge zu verwandeln. Golowski bleckte die Zähne.
Ein breiter, vom Sitzen und Saufen feister Männerkörper schob sich zwischen die beiden. Der Neue zog eine Schachtel Fehlfarbenstumpen aus der Jacke und beugte sich vor.
"Widerlich", meinte er, laut genug, dass die beiden anderen ihn verstanden, aber so leise, dass seine Worte im Trubel untergingen. "Plündert Stankowski wieder seinen Repräsentationsfonds?"
"Hat der doch gar nicht mehr!", vermutete Golowski. Er filterte den Gastgeber aus der Menge heraus: einen stämmigen Grauhaarigen, der die Gelegenheit nutzte, sein Geschlechtsteil ungestraft an den Schenkeln einer rothaarigen Schönen zu reiben. "Oberhausen ist pleite. Die könnten ihm nicht mal einen Dreierpack Pariser finanzieren."
Der Igelkopf scniefte leise. "Glaubt ihr, der zahlt die Fete aus der Stadtkasse?", knurrte er. Er war mindestens so gut bei Stimme wie die Löwen im Gelsenkirchener Zoo.
"Sondern?", fragte Golowski, ohne die Lippen zu bewegen.
Der Kleine lächelte das Fenster an: "Ich wette meinen Jahresetat - der hat das Geschäft mit Luxemburg unter Dach und Fach ..."
Ein Eishauch wehte am Fenster entlang.
"Willst du damit sagen, wir drei wären raus?", fragte der Fehlfarbenraucher.
Der Igelkopf schwieg.
"Sag schon - sind wir raus?", quengelte der Dicke.
"Du warst doch nie richtig drin", höhnte Golowski, während er dem Gastgeber anerkennend zulächelte. "Und jetzt kannst du dein Kaff von der Landkarte streichen."
Der andere blieb vor Erschütterung stumm.
"Im Ernst", fuhr der Lange fort. "Stau die Ruhr auf und lass Hattingen absaufen. Bochum übernimmt den See - als Feuerlöschteich."
"Mehr könntest du auch gar nicht bezahlen, Golowski", warf der Igelkopf ein. Er stand noch immer so unbeweglich auf seinem Posten, als gingen ihn weder die Männer neben noch die Fete hinter ihm etwas an. "Ihr verscherbelt doch schon Bauland gegen eine Spende für euren Fußballverein."
Golowski brauchte mindestens drei Herzschläge, bis er sich von seinem Schock erholt hatte.
"Weißt du, Roggenkemper", sagte er dann. "Dafür, dass du nur der Bürgermeister eines Misthaufens bist, hast du eine verdammt große Klappe!"
"Neid", konterte der Kleine, ohne seinen Rückspiegel aus den Augen zu lassen. "Nichts als Neid. Leute wie du bringen es bei uns höchstens zum Schleusenwärter ..."
Golowski schien zu überlegen, ob ihm das Angebot gefiel. Dann versprach er: "Warte es ab, Roggenkemper. Ich schicke dir mal irgendeinen Arsch aus meinem Rathaus vorbei. Die Reste eines Beamtenfrühstücks reichen, um ganz Datteln zuzuscheißen."
Er löste sich sanft von seinem Platz und ließ sich in den Raum treiben, ohne seinen Freunden noch einen Blick zu gönnen.
Der mit den Fehlfarben wartete, bis der Lange weit genug entfernt war.
"Golowski ist selber ein Arschloch!", biederte er sich bei seinem Nachbarn an. "Wie konnte der in Bochum bloß Fraktionschef werden?"
"Mit Format, Domagalla, mit Format!", raunzte Roggenkemper und wandte sich um. Als er an dem Bürgermeister des Feuerlöschteichs vorbeidriftete, quetschte er einen Abschiedsgruß durch die Zähne: "Falls du überhaupt weißt, was das ist - Format!"

Eine Stunde nach Mitternacht war das Büfett abgeerntet, hatten sich Besucher, Kellner und der Orgelspieler aus dem Staub gemacht. Der Gastgeber saß, einen Sektkelch in der Hand, in einem der tiefen Sessel und prostete seiner Lambada-Partnerin zu, die ihm von der Couch entgegenlächelte - cool, aber alles andere als eisig.
"Danke für die Party!", sagte die Rothaarige und schlug ihre schlanken Beine übereinander. "Auf Ihr Wohl, Herr Stankowski!"
"Auf Ihr's", sagte der Oberbürgermeister. Er riss seinen Blick von den schwarzen Nylons los und schaute ihr in die braunen Augen: "Warum sind wir eigentlich immer noch bei diesem lästigen 'Sie'? Ich heiße Peter!"
"Carmen!", entgegnete sie und schenkte ihm einen Blick, den er bis in die Lenden spürte.
Er stand auf und sank neben sie.
"Ein interessanter Name!", schwärmte er. "Geheimnisvoll ..."
Mit dieser Meinung war er nicht allein. Aber die dritte Person im Raum legte keinen Wert darauf, es ihm mitzuteilen ..."

 
zurück zur Übersicht...