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| Das Ekel von Datteln |
| Kriminalroman von
Reinhard Junge & Leo P. Ard Köln/Dortmund 1988 13. Aufl. 1999 197 Seiten 7,90 Euro (Grafit-Verlag) 1989 für den "Glauser", den "Autorenpreis Kriminalliteratur", nominiert Inhalt: Eine junge Deutsche stirbt in einer Liebesnacht auf der holländischen Ferieninsel Vlieland. Während Rijkspolitie noch die Spuren sichert und einen Verdächtigen verhört, meldet sie den Fall nach Recklinghausen, wo Hauptkommissar Lohkamp sich an die Arbeit macht: die heißeste Spur führt nach Datteln. Dort stößt Lohkamp auf das Dortmunder Video-Team PEGASUS, das gerade gerade einen Werbefilm über die Kanalstadt dreht - im Auftrage des autoritären Bürgermeisters Roggenkemper. Und den scheint dieser Fall besonders zu interessieren ... ![]() Tief im Westen von Dortmund: In der Steinhammer Straße residiert das Video-Team PEGASUS. (Montage: Martin Krok) Rezensionen: Was der Leser geboten bekommt: Eine Geschmacksprobe des prallen Lebensgefühls an der Ruhr, die Beschreibung des typischen Revierfilzes und jede Menge echt geile Sprüche. FORUM WEST, WDR Gründlich ausrecherchiert - darum sehr realitätsnah - ist die Szenerie an den Schauplätzen des kriminellen Geschehens. Kritisch, spannend und unterhaltsam ist Das Ekel von Datteln empfehlenswerte Lektüre für Freunde des Kriminalromans. RUHR-NACHRICHTEN ... eine satte Portion Lokalkolorit, sauber recherchierte Einzelheiten, eine clever ausgeklügelte Story, und gut geschrieben ist es auch noch. Süffige, spannende Lektüre - ein Muss für jeden Krimi-Freund. WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE, Bochum Nicht wenige vermuten darin auch einen Schlüsselroman. WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE, Recklinghausen ... infamen Absicht, die Dattelner Kommunalpolitik mit Horst Niggemeier an der Spitze so negativ auszuleuchten, wie es nur mit Hilfe eines angeblichen Romans unter Vermeidung von gerichtsrelevanten Verleumdungen ... möglich ist. IG-Bergbau PR-Chef Norbert Römer in der WAZ, Datteln Mehr als dürftig ... DATTELNER MORGENPOST "Datteln ist überall." Diese Autorenbemerkung ist nun wirklich mehr als doppelbödig. Denn: Wenn Datteln überall ist, dann ist der Roman die Geschichte unseres alltäglichen politischen Wahnsinns - auch außerhalb Dattelns mit Gewinn, Spannung und einer geballten Faust in der Tasche zu lesen. Manfred Breuckmann in: ECHO WEST, WDR ... unmanierlich frech-rotzige Schreibe mit manchem ironischen Seitenhieb auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit. COOLIBRI ... Stammplatz auf der ewigen Bestenliste der Ruhrgebietskrimis. Kay Gropp, WDR ![]() Der Schlüssel zum Mordzimmer ... ... und der Fluchtweg ![]() Leseprobe: Die Frau auf dem Barhocker war Ende zwanzig und hatte sich allem Anschein nach in der Tür geirrt. Sie trug ein hellgraues Baumwollkostüm, eine zartrosa Seidenbluse und dazu passende Pumps. Ihre dunklen, leicht gekräuselten Haare wippten vom Mittelscheitel aus gleichmäßig nach beiden Seiten weg und legten ein Paar goldener Ohrclips frei. Von der Wimperntusche bis zum Nagellack war ihr Make up perfekt auf die lässig-elegante Kleidung abgestimmt. Der Schuppen hieß De Stoep und war so gemütlich wie ein Fußgängertunnel. Ein halbes Dutzend Kids hing auf der Tanzfläche herum, sechs, acht weitere dösten am Tresen vor sich hin. Die meisten steckten in Turnschuhen, Jeans und bunten Sweatshirts, kaum einer war älter als achtzehn. Falls es auf der Welt etwas gab, das ihnen wieder Leben einhauchen konnte - Popcorn, der Sommerhit aus ihrem ersten Kindergartenjahr, war sicherlich die falsche Medizin. Die Crew der Keller-Disco ertrug die Pleite mit Kaugummi und Arroganz. Die Saison war abgehakt, seit der Juli-Regen den Zeltplatz, von dem der Laden lebte, in ein Binnenmeer verwandelt hatte. Schräg gegenüber der Lady parkte ein deutlich jüngerer, hoch gewachsener Jeans-Typ hinter einem Glas Heineken. Seine blauen Augen schauten aufmerksam hinüber. Noch war ihm unklar, ob sie jemanden erwartete oder Anschluss suchte. Der Diskjockey hatte keinen Zweifel, welche Variante dem Gelockten lieber war. Ein Madonna- und zwei Prince-Songs fegten durch die Boxen, ohne dass der Blonde seinem Ziel näher kam. Die Lady saß nur da und zählte die Tropfen ihrer Bloody Mary. Schließlich hatte der Mann am Mischpult ein Einsehen. Von ganz unten zog er ein abgegriffenes Cover hervor, entstaubte die Scheibe und ließ sie kreisen. Cohens Song von der verhurten Nancy wehte durch das Gewölbe. Die Frau sah auf. Ihr Blick flog erst zum Cockpit des Plattenpiloten, dann zu ihrem Anbeter hinüber. Die braunen Augen blieben unverändert ausdruckslos, wichen aber nicht mehr aus. Als der Refrain kam, hoben sich kaum merklich ihre Brauen. Eine halbe Stunde später verließ das Paar die Stoep und verschwand in der Gasse gegenüber. Zwischen hohen Gartenhecken zog Locke die Lady zu sich heran und starrte ihr ins Gesicht. Zwei, drei Mal wischte der Lichtarm des Leuchtturms über Dächer und Baumwipfel hinweg, dann küßte er sie. Ihr Mund war weich und sie war so klein, dass sie in seiner Umarmung fast verschwand. Als seine Hand unter ihren Rock kroch, drückte sie ihn von sich weg: "Nicht hier ..." Sie sah seine Enttäuschung und lächelte. Wortlos zog sie ihn auf die leere Dorpsstraat zurück zum Hotel Albatros, das keine hundert Schritte entfernt lag. Der Lange zögerte: das gesamte Erdgeschoss mit Glasveranda, Foyer und Gaststube war hell erleuchtet. "Komm!", sagte sie und stieß die Tür auf. Ihr Zimmer lag in einem Anbau auf der Hofseite. Sie öffnete, ließ den Schlüssel auf einen der Sessel fallen und zog die Vorhänge zu. Im Halbdunkel fegte sie fast einen Stapel Prospekte von der Schreibplatte, dann schaltete sie die Leselampe über dem hinteren Teil des Doppelbetts an und wandte sich um. "Einen Drink?" Er nickte. Sie holte ein Wasserglas aus dem Bad, griff zu der Flasche Dimple auf der Ablage hinter dem Bett und goss ein. Er kam näher, trank, gab ihr das Gefäß zurück. Noch während sie es leerte, fing er an, sie auszuziehen. Sie hatte schmale Schultern, kleine, kegelförmige Brüste mit festen Warzen und eine sehr zerbrechlich wirkende Taille. Ihre straffe Haut war leicht, aber gleichmäßig gebräunt. "Na, komm schon", sagte sie leise und legte ihre Arme um seinen Hals. Sie sahen sich an. Ihre Augen kamen ihm jetzt viel tiefer und viel weicher vor. Er drückte sie fest an sich, suchte ihren Mund. Spürte ihre Hände da, wo er es mochte. Ließ sich fallen wie sie. Fast zwölf Stunden später beschwerte sich das Zimmermädchen des Albatros, dass sie noch immer nicht auf 235 aufräumen konnte. Sie habe laut geklopft, aber die Deutsche hätte einfach nicht reagiert. Nach kurzem Nachdenken rief Cornelius Dijkstra, der Besitzer des Hauses, seinen Sohn, der im Schankraum Gläser polierte. Er stieg mit ihm in den zweiten Stock hinauf und eilte den langen Flur entlang, an dessen Ende die Frau wohnte. Als Dijkstra mehrere Male geklopft und schließlich gerufen hatte, stieß ihn der Sohn an. Er deutete auf einen roten Blechkasten, der zwischen Zimmertür und Notausgang hing. Gewöhnlich wurde hier der Schlüssel zur Feuertreppe aufbewahrt. Doch der Haken hinter der dünnen Glasscheibe war leer. Dijkstra atmete tief durch und öffnete. Die Frau war da. Sie lag, die Füße zur Tür ausgestreckt, quer über dem unteren Ende des Betts. Sie trug einen himmelblauen Morgenmantel, dessen Gürtel nicht zugebunden war. Ihr rechter Arm hing zum Boden hinab, die unnatürlich geröteten Augen blickten starr zur Decke. Im Bereich des Kehlkopfes befanden sich zwei breite, unschöne Flecken. Die Sonntagszeitungen feierten den ersten Mord auf der Insel seit 180 Jahren. zurück zur Übersicht... |