Krimis
Bonner Roulette
Kriminalroman von Leo P. Ard & Reinhard Junge
Dortmund 1986
10. Aufl. 1997
204 Seiten
7,90 Euro
(Grafit-Verlag)


Inhalt:

Tiefer Schock bei der feierlichen Eröffnung der Spielbank in Dortmund-Hohensyburg: ein Unbekannter stört die Party und greift sich ein paar hoch karätige Geiseln, darunter den Kanzlerkandidaten der Bonner Opposition. Die Forderung des Kidnappers lähmt den Krisenstab und den dicken Dauerkanzler. Während dieser den Fall aussitzen möchte, will der Innenminister die Spielbank stürmen lassen. Da greift Kriminalrat Pusch vom BKA ein - und erschüttert Hauptkommissar Lohkamp in seinem Glauben an den Rechtsstaat.

Rezensionen:

Eine brisante Mixtur aus Verbrechen, Politik und Satire zieht die Leser in ihren Bann.
ECHO WEST, WDR

Polit-Farce? Polit-Thriller? (...) Der neue Krimi von Leo P. Ard und Reinhard Junge entzieht sich jeder schnellen Einordnung (...). Mit satirischen Dialogen, überraschenden Perspektiv-Wechseln, geschickt montierten Reportagen führen die Autoren den Leser bis zum bitteren Ende immer wieder in die Irre. An diesem Krimi stimmt alles... COOLIBRI

... herzlichen Dank für Ihr Bonner Roulette. Ich habe es zunächst mit bewunderndem Spaß gelesen: Woher Sie wohl so gut wissen, wie es in einem Krisenstab zugeht? Dann mit nachdenklichem Entsetzen. Was gerade wegen der unverschämten Ähnlichkeiten angreifbar wäre, wird durch die Unmöglichkeiten des Schlusses aufgehoben. Insoweit ist das Ganze fast literarisch geworden, jedenfalls ein Vergnügen.
Mit besten Wünschen und Grüßen
EGON BAHR

... dramaturgisch geschickt zu einem Kriminalroman moderner Art aufbereitet. ... um Authentizität bemüht, gerät diese Collage erschreckend wirklichkeitsnah. ... in einem unverkrampften, manchmal leicht schnodderigen Stil geschrieben.
Karin und Lutz Tantow in: DIE HOREN

... jenseits dessen, was tatsächlich vorstellbar ist.
Dr. CHRISTOPH ZÖPEL, Minister, Düsseldorf

... ein spannender, realistischer Krimi
BOCHUMER STUDENTENZEITUNG

Immer schön locker-flockig fabulieren sie (= die Autoren) sich durch ihre interessant ausgeklügelte Story, geben sich Mühe mit den Details und bieten zur Auflösung eine Pointe der knallharten Art an.
WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE

Leseprobe
"Du musst das verstehen, Birne!", sagte er. "Es geht nicht anders. Uns bleibt gar keine andere Wahl. Und bei der alten Czybulla hast du's gut. Die lässt dich nicht verhungern. Bloß vor dem Köter pass auf - dem darfst du nicht zu nahe kommen ..."
Kroll und der Wellensittich blickten sich noch einige Sekunden tief in die Augen. Dann umfasste der Mann den Vogel mit der anderen Hand und setzte ihn in den Käfig, ohne auf das Protestgeschrei des Arrestanten Rücksicht zu nehmen. Aus dem Unterschrank der Spüle kramte er eine Plastiktüte hervor und verstaute darin, was nötig war: Futter, Streusand und Pulver gegen Milbenbefall. Mit Käfig und Tüte trat er in den Hausflur.
Elisabeth Czybulla öffnete erst, nachdem er vier Mal geklingelt und zum Schluss mit der Schuhspitze gegen die Wohnungstür gewummert hatte.
"Ach, du bisses, Lothar. Komm rein." Sie hielt ihm die Tür auf und sah zu, wie er sein Gepäck auf dem Küchentisch ablud: "Willse mich dein Hansi bringen?"
"Der heißt Birne, Elsbeth!"
"Mensch, Lothar. Birne iss doch keinen Name fürn Vogel nich. Nee. Willse verreisen?"
Kroll nickte.
"Wieda wegen diese Angelika? Mensch, Lotte, lass mich alte Frau mal dazu was sagen. Dat iss getzz acht Jahre her, da musse diese Tusse langsam abschreibn. Die kleine Schwatte neulich, die war tofte. Aba diese Angelika ..."
Kroll grinste.
"Die Schwatte, Elsbeth, das war vor zwei Jahren."
"Sach ich doch", nickte die Alte. "Neulich ..."
"Hier."
Kroll legte seinen Wohnungsschlüssel neben den Vogelbauer.
"Guckst du mal nach meinen Blumen? Wär schade, wenn die vertrockneten. Und mach ab und zu meinen Briefkasten leer."
"Watt denn, willsse so lange wechbleiben? Urlaub?"
"So was Ähnliches!"
Er klopfte der Alten vorsichtig auf die Schulter und beugte sich noch einmal zu dem Käfig hinab: "Machs gut, Birne. Denk dran: einer von uns beiden muss es tun. Tschüss!"
Er verabschiedete sich von der Alten und kehrte in seine Wohnung zurück. Er zog eine schwarze, etwas zu weite Lederjacke an, nahm den kleinen Koffer auf und schloss ab, schlich ins Erdgeschoss. Er lauschte nach oben, dann öffnete er behutsam die Kellertür und lief auf Fußspitzen hinab. Vor der Waschküche hielt er an und horchte noch einmal, ehe er hineinging.
Gleich neben der Tür stand ein altertümlicher Waschkessel. In dem großen Metallbottich, der von unten mit Kohle beheizt werden konnte, hatten ganze Generationen von Hausfrauen ihre Bettlaken und die Unterwäsche gekocht. Seit mehr als zwanzig Jahren war das Gerät unbenutzt.
Kroll kniete vor dem Kessel nieder und öffnete die rostige Metalltür, hinter der sich das Ofenloch befand. Er krempelte Jacken- und Hemdsärmel hoch und griff vorsichtig in das Innere der Brennkammer. Nacheinander zog er zwei in Lappen gewickelte Gegenstände heraus. Den einen steckte er in die Innen-, den anderen in die Außentasche seiner Lederjacke. Dann verschloss er die Metallklappe, wusch sich über einem ausgedienten Wasserbecken sorgfältig die Hände und nahm den Aluminiumkoffer auf.
Zwanzig Minuten später stand Kroll gegenüber dem Hauptbahnhof auf einem der zahlreichen Busbahnsteige. Gleichmütig sah er zu, wie nebenan die Linienwagen nach Kirchhörde, Rahm und Marten abfuhren. Endlich kam ein schmucker, nagelneuer Luxusbus. Auf dem Richtungsschild über der Windschutzscheibe stand nur ein Wort: "Spielcasino."

  zurück zur Übersicht...